Sexuelles – ist ja ekelhaft!

Wie viele Menschen bekommen rote Ohren, wenn man nur einen zweideutigen Witz reißt oder mal das Thema Sex überhaupt anschneidet. Wie aber sieht es da mit den Menschen aus, die ihre Sexualität und sexuellen Vorlieben frei ausleben?

Ein Artikel, warum es wichtig ist, offen darüber zu reden – über rote Ohren, Fetisch-Shops und Popo-Haue.


Es ist Samstagmittag. Zwei junge Frauen Anfang 20 stehen in einem Geschäft und schauen sich Schuhe an. Es wird diskutiert über Absatzhöhe, Material, Farbe, Preis. Alles scheint normal, so lange man sich in dem Geschäft nicht weiter umschaut. Dort hängen ein paar Overknee-Stiefel in Größe 54, daneben steht ein Mannequin gekleidet in ein Kleid aus Latex. Der ältere Verkäufer hinter der Theke sortiert gerade die neu eingetroffene Ware, während neugierige Kunden das Sortiment durchstöbern. Geht man weiter in den Laden hinein, so finden sich ganz gewöhnliche Kleiderständer, Umkleiden und das obligatorische „Nur 3 Teile!“ Schild in jeder Kabine. Das, was jedoch dort präsentiert wird, ist nicht ganz so gewöhnlich. Filigrane Halsbänder aus Stahl liegen neben welchen aus Lederimitat, daneben hängen an einem Regal breitere aus echtem Leder. Es gibt Kleidung aus Latex und Lack, für Männer und Frauen und für alle, denen die Heteronorm egal ist und das anziehen, was ihnen passt.

Etwas weiter eine Werkzeug-Abteilung: Fesseln aller Art aus den verschiedensten Materialien, Nippelklemmen, Gasmasken, Latexmasken. Es hängen Keuschheitsgürtel neben Gerten, darüber ein Rohrstock. Spätestens jetzt sollte der geneigte Leser wissen, wo wir uns befinden.

Es ist ein Fetisch-Laden in der Kölner Innenstadt, in welchen ich – auf der Suche nach einem Outfit und neuen Schuhen – meine beste Freundin geschleift habe. Sie, mit leicht entsetztem, unsicheren Blick läuft hinter mir her und sieht aus, als würde sie gleich wieder kehrt machen wollen. „Ooooh, dieses Latexkleid hatte ich mal anprobiert, das sah super aus!“, sage ich ihr, als ich auf einen Mannequin deute. Sie lacht. „Aha. Okay. Bah, ne, also Latex und so Gummizeugs finde ich ja voll ekelig, wenn man das anfasst!“ Das Gesicht, als ich sie bat, doch einmal eine Korsage aus Latex nur anzufassen, werde ich wohl nie vergessen. Ich lache immer noch ein wenig.

Doch ist es alles so seltsam? Ist es alles so „andersartig“ oder „abnorm“, was man in diesem Laden findet? Die Kunden, welche an diesem Samstag durch den Laden streiften, sahen mir alles andere als abnorm aus – ich war ja schließlich auch dort, wobei das ein Indiz für das Seltsame im Laden sein sollte, aber lassen wir das.

Fetische haben alle Menschen. Wer jetzt nein ruft, lügt. Du magst es, wenn dir jemand auf den Hintern haut beim Sex? Fetisch. Du magst es, wenn dein Partner deine Hände über deinen Kopf drückt beim Sex? Fetisch. Du magst das Gefühl von Leder auf deiner Haut? FETISCH! Natürlich gibt es auch nicht-sexuelle Fetische, aber das würde an dieser Stelle wohl zu weit führen, daher beschränken wir uns doch einfach auf die sexuellen Aspekte – schließlich lesen Sie, verehrter Leser, doch genau deswegen diesen Artikel, nicht? Die Neugier der sexuellen Triebe – wundervoll!

[Szenenwechsel]

Ein Abend unter Studierenden nach der Uni. Es wird rumgealbert, Blödsinn gemacht, gelacht, getrunken, bis ich einen meiner sehr eindeutig zweideutigen Witze mache. Manche lachen, andere schauen verschämt und mit roten Ohren weg. „Kannst du das mal lassen?!“, werde ich angegiftet und man schaut mich mit pikiertem, fast schon wütenden Blick an. „Was denn lassen?“ – „Diese Witze. Immer denkst du so zweideutig, das ist echt ekelig.“ Dummerweise war ich so perplex über diese Antwort, dass ich nichts erwiderte, irritiert mein Glas nahm und zur Bar ging.

Diesen „Freundeskreis“ habe ich schnell wieder verlassen.

Ecken und Kanten

In den vergangenen Jahren ist es mir schon sehr häufig passiert, dass ich mit meiner freien Art, meinem dreckigen Humor und meiner Art, mit Sex-Themen umzugehen, angeeckt bin. Mehrfach. Immer wieder. Anstatt jedoch den Schwanz einzuziehen, mich weg zu ducken und meine Ecken im Geheimen rund zu schleifen, habe ich mich aufgerichtet und meine Ecken geschärft. Habe mich laut hingestellt und gesagt: Seht her! Das bin ich.

Anfang 20. Eine Frau. Die nicht nur an Sex denkt, sondern ihn liebend gerne praktiziert, auslebt und darüber dann sogar noch spricht. Die keinen Hehl daraus macht, wenn sie gefragt wird, wo sie am Wochenende hingeht, auch wenn „Ich fahre in den Swingerclub, ich bin neugierig!“ mit einem schockierten „WAS?!“ quittiert wird. Die stolz und aufrecht geht, auch wenn sie neben ihrem Freund auf einer Szeneparty kniet und somit frei ihren BDSM auslebt. (An dieser Stelle eine Entschuldigung an meine Mutter, die meinen Blog mitliest: Mama, entschuldige für den Herzinfarkt und die Bilder im Kopf. Das lebhafte Kopfkino muss ich von dir geerbt haben.)

Das bin ich. Kommt damit klar.

Mir ist es egal, wenn ihr rote Ohren bekommt. Wenn ihr die Nase rümpft, weil jemand darüber berichtet, wie er oder sie sich gerne schlagen lässt. Denn Aufklärung ist es, die wichtig ist. Das Thema Sex generell. Magst du es gerne zärtlich, und deinen Partner liebevoll? Super, dann schrei es in die Welt hinaus! Geh offen damit um, denn das Leben ist zu kurz, um die eigenen Vorlieben zu unterdrücken. Du denkst, als Mann ist es falsch, der Frau die Füße zu küssen und vor ihr im Staub zu kriechen? Auf die Knie mit dir und lass alle Welt sehen, wie stolz du bist, deiner Herrin zu gehören – scheiß doch drauf, was die anderen sagen!

Was im allgemeinen als „normal“ angesehen wird, wird von der Gesellschaft und den Medien vorgegeben, von niemandem sonst. Niemand sollte sich verstecken müssen, nur weil er gerne über Sex redet oder seine Sexualität offen auslebt.

Neben all den sexuellen Vorlieben gehört natürlich die Sexualität im Sinne der sexuellen Orientierung bzw. der Geschlechteridentifikation ebenfalls zu dem Thema, auch, wenn ich mich darüber hier nun nur kurz auslassen werde. Wie schon angesprochen gilt auch hier: tu das, was für dich richtig ist, was sich für dich richtig anfühlt, nicht das, was die Gesellschaft von dir verlangt. Du willst als Mann einen anderen Mann küssen und ihr zwei mögt euch? Küsst euch, jetzt! Du siehst aus wie ein Mann, fühlst dich wie eine Frau? Du BIST eine Frau. Das Ding zwischen deinen Beinen definiert dich nicht. Du bist eine Frau und stehst einfach nur klassisch auf Männer? Natürlich ist das genauso gut wie alle anderen Arten der Liebe!

Lebt das, wie ihr euch wohl fühlt. Liebt, wen auch immer ihr wollt. Aber lasst euch niemals den Mund verbieten, weil jemand es „ekelig“ oder „abnormal“ findet.


So viel sei gesagt zu jenen, die anders leben, vielleicht ein wenig freier, selbstbestimmter. Was ist aber mit denen, die sich völlig wohl fühlen in ihrer heteronormativen Rolle? Die glücklich und zufrieden sind in ihrem Blümchensex-Leben? Ihr, meine lieben Normalos, seid der Grund, warum ich diesen Beitrag verfasse. Sex, Fetische und alles, was sonst noch „nicht Tageslicht tauglich“ ist, gehört für viele von euch in die Tabuecke. Es gehört in die dunklen Seitengassen, in das Schmuddelheftchen unter der Ladentheke und in die Weiten des Internets. Ihr könnt uns aber nicht wegdiskutieren. Wir sind da. Wir leben, wir atmen, wir haben Sex, wir schlagen, wir bellen, wir tragen Latex, wir tragen blaue Flecken und Halsbänder. Wir wickeln andere in Windeln und lassen uns vom „Arzt“ untersuchen, wir rubbeln uns an Luftballons und schnuppern an Socken. Wir lassen uns an der Leine führen und peitschen unseren neuen Sklaven aus. Wir sind existent.

Meine beste Freundin, mit welcher ich in dem Fetisch-Laden war, trägt das ganze mit Fassung. Sie versteht es nicht und kann es nicht nachvollziehen, aber sie akzeptiert es. Mich erreichte eben erst diese grandiose Nachricht von ihr, als ich erklärte, dass die Verhaltensweisen von einigen Menschen auf Szenepartys anders sind als normal:

„Ich würde auch nur mit dem Kopf schütteln und sagen:’Ich geh mir jetzt einen Drink holen und ihr könnt weiter Hündchen und Frauchen spielen.‘, aber das liegt halt daran, dass ich es nicht nachvollziehen kann, ich denke anders und bin vom Charakter her auch anders… [ich] könnte sowas nicht, würde dem nen Vogel zeigen. Ist nicht böse gemeint, also nicht falsch verstehen.“

Natürlich verstehe ich es nicht falsch, wie könnte man auch? So wie sie sollten mehr Menschen reagieren, und das fängt schon bei der Akzeptanz gegenüber dreckigem Humor an. Man kann sagen, wenn einem etwas nicht gefällt, aber man sollte niemals beleidigend werden. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen davon, wie etwas zu funktionieren hat, und so lange man niemandem damit ernsthaft und unwissentlich schadet – akzeptiert es doch einfach.

Aufklärung statt Tabu

Sex ist ein heikles Thema, um darüber zu schreiben, dessen bin ich mir durchaus bewusst. Nichtsdestotrotz ist es mir wichtig, anderen Menschen zu erklären, dass das, was ich mache, was ich lebe, kein Hexenwerk ist. Sex an und für sich, in all seinen Formen, ist wunderbar und sollte den meisten Menschen Freude bereiten. Dennoch gibt es viele, die sich nicht trauen, darüber zu sprechen, und somit ihre Probleme im Bett ungelöst mit sich herumtragen. Sei es die junge Frau, die ihren Körper kaum kennt und sich deshalb beim Sex so verkrampft, dass sie jedes Mal Schmerzen hat, oder sei es der Mann, der im Bett Erektionsprobleme hat. Probleme, die sich lösen lassen, wenn man darüber spricht, anstatt es tot zu schweigen. Der Frau konnte zum Glück geholfen werden. Sie sprach mich vor einiger Zeit an und fragte um Hilfe, denn ich sei „die einzige, mit der man so offen darüber reden“ könnte. Nach einem aufklärenden Gespräch berichtete sie mir überglücklich einige Wochen später, dass sie kaum noch Schmerzen habe. Dem Mann könnte auch geholfen werden, wenn man offener darüber redete und dies nicht zum Tabuthema erklärte – gerade dies ist ein Problem, welches Männer jeden Alters trifft. Redet darüber, liebe Männer: ihr seid nicht alleine!

Mehr Akzeptanz. Mehr Toleranz.

Es sollte mehr über Sex gesprochen werden und nicht über die medial anerkannte Version, sondern über individuellen Sex, persönlichen Sex. Mein Sex muss nicht dein Sex sein, oder seiner oder ihrer. Jeder hat seine eigenen Vorlieben, seine eigenen Knöpfe die es zu drücken gilt. Es gibt viele Auffassungen davon, worüber man reden sollte und worüber nicht, und meiner Meinung nach gehört Sex dazu.

SEX. Schmutzig, dreckig, lustig, laut. Ich werde auch weiterhin Witze im zweideutigen Bereich machen und Menschen, die mich fragen oder neugierig sind, rundheraus von meinem Sexleben berichten.

Ihr müsst es nicht mögen, aber ihr müsst es akzeptieren.

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11 Gedanken zu “Sexuelles – ist ja ekelhaft!

  1. Mir geht es ganz genauso. Als ich in Deinem Alter war (hab ich das jetzt echt gesagt?!?) habe ich meine Freundinnen aufgeklärt und ihre Fragen beantwortet, ihre Probleme angehört. Und immer bekam ich zu hören, dass ich die Einzige sei, mit der man so reden könne. Hieß soviel wie: die auch mal kurz nicht kichern, wenn es um Sex geht.
    In meinem Freundeskreis habe ich auch ein, zwei Menschen, die etwas gehemmter sind und das ist auch okay. Ich habe auch Themen, über die ich nicht reden mag, das hat wohl jeder. Und wenn jemand über etwas nicht reden möchte, dann akzeptiere ich das.
    Aber auch ich habe einen eher rauen, direkten und oft versauten Humor. Das gehört zu mir und wer damit so gar nicht klar kommt, naja der muss ja nicht mit mir reden. Aber zu sagen jemand sei eklig, weil er über Sex spricht? Derjenige müsste vielleicht mal den Plug ausm Arsch ziehen. ;D

    Ich sehe aber auch, dass die Jahrgänge nach mir (ich bin 30) verklemmter und wie du sagst weniger aufgeklärt sind. Was ein Paradox ist, schließlich ist Sex heute überall in der Werbung, in jedem Film und in jeder Serie und darüber hinaus sehr leicht erreichbar. Vielleicht ist es aber auch gerade dieses Überangebot, das dazu führt, dass viele sich damit nicht noch mehr beschäftigen möchten. Das geschieht in den USA, der Hochburg der Doppelmoral, ja auch und recht extrem.

    Auch ich finde, dass wir enttabuisieren müssen und mehr aufklären. Das hier anzusprechen ist ja schon einmal ein guter Anfang.

    Liebe Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke für diesen konstruktiven Beitrag. Es freut mich, dass du aus diesem langen Artikel nur diese eine winzige Information mitgenommen hast, die völlig subjektiv und überspitzt ist meinerseits.
      Man sagt nicht umsonst: „Sex ist nur gut, wenn man danach verschwitzt und klebrig ist.“ ergo schmutzig und dreckig.

      Grüße!

      Gefällt 2 Personen

  2. Ich wollte nur mal kurz sagen, dass ich das Konzept deines Blogs, einfach mal hemmungslos über Themen zu reden, über die die meisten normalerweise schweigen richtig gut! Mach weiter so, ich werde auf jeden Fall öfter vorbeischauen!

    Gefällt 2 Personen

  3. In einer Beziehung über sexuelle Vorlieben zu sprechen, finde ich sehr wichtig. Ich habe damit absolut kein Problem damit.
    Ich bin aber so sensibel gegenüber Menschen, wenn ich merke das es jemanden peinlich ist, nicht weiter auf diesem Thema rumzureiten.
    Ich muss nicht jedem auf die Nase binden auf was ich im Bett stehe und was ich für Fetische auslebe. Wenn aber das Thema im Freundeskreis oder sonst wo angesprochen wird, halte ich mich bestimmt nicht zurück..
    Ich finde diesen Blog super geschrieben und bin ganz auf deiner Seite, man sollte viel offener, vor allem in der Partnerschaft, über seine Wünsche oder Fantasien reden.
    Ich hoffe ich habe meine Meinung einigermaßen verständlich rüber gebracht, bin momentan etwas überlastet und klare Gedanken sind Mangelware 😊

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    1. Lieben Dank für deinen Kommentar! Ja, deinen Standpunkt teile ich auch. Wenn es jemandem unangenehm ist darüber zu reden, sollte man jemanden nicht zu einem Gespräch zwingen. Allerdings sollte jeder so feinfühlig sein, um zu merken, ob ein Thema angebracht ist oder nicht. 🙂
      Liebe Grüße!

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